Sexualität und Antisemitismus:
Tiefenpsychologische Deutungsversuche
Aus dem Buch
Neidgeschrei: Antisemitismus und Sexualität
Gerhard Henschel
Der Verdacht, daß aus den wütendsten Beschimpfungen der
Juden das Bedürfnis der Verfasser spreche, selbst all das zu tun, was sie
den Juden ankreideten, ist altehrwürdig, wohlbegründet und heute noch
unmittelbar einleuchtend.
1936 schrieb Max Horkheimer:
Getrieben von heimlicher Neugierde und
unauslöschlichem Haß, suchen die Menschen das Verbotene hinter dem, was
ihnen fremd ist, hinter jeder Tür, in die sie nicht hineinspazieren
können, in harmlosen Vereinen und Sekten, Klostermauern und Palästen.
Der Begriff des Fremden wird dem des Verbotenen, Gefährlichen,
Verworfenen synonym, und die Feindschaft ist um so tödlicher, als ihre
Träger fühlen, daß dies Verbotene kraft ihres eigenen erstarrten
Charakters für sie selbst unwiederbringlich verloren ist.
Kleinbürgerliches Ressentiment gegen den Adel und Judenhaß haben
ähnliche seelische Funktionen. Hinter dem Haß gegen die Kurtisane, der
Verachtung gegen die aristokratische Existenz, der Wut über jüdische
Unmoral, über Epikuräismus und Materialismus, steckt ein tiefes
erotisches Ressentiment, das den Tod ihrer Repräsentanten verlangt. Sie
sind, möglichst unter Qualen, auszulöschen; denn der Sinn der eigenen
Existenz wird jeden Augenblick durch die ihrige in Frage gestellt.1
Zu dem Schluß, »daß der Antisemitismus weit mehr als auf
den wirklichen Eigenschaften der Juden auf subjektiven Faktoren und der
allgemeinen Situation des Antisemiten basiert, und daß die Determinanten
antisemitischer Einstellungen zum einen bei den Personen zu suchen sind, die
sie äußern«, gelangte auch Theodor W.Adorno bei seinen »Studien zum
autoritären Charakter«.2
Die Antisemiten würden, wie Adorno in einem anderen
Aufsatz ausführte, »in besonderem Maß von Verfolgungsphantasien gegen das
nach ihrer Ansicht sexuell Abwegige, überhaupt von wilden sexuellen
Vorstellungen« gepeinigt, »die sie von sich selbst abweisen und auf
Außengruppen projizieren. Die deutschen Sexualtabus fallen in jenes
ideologische und psychologische Syndrom des Vorurteils, das dem
Nationalsozialismus die Massenbasis zu verschaffen half und das in einer dem
manifesten Inhalt nach entpolitisierten Form fortlebt.« 3
Wirksam war hier, in Adornos Worten,
»der Kleinbürgerhaß
auf eine Luxusschicht, von der man sich ausgeschlossen fühlt und auf die man
das Verbotene und insgeheim Ersehnte projiziert«.4
In seiner erstmals 1933 erschienenen, später revidierten
und erweiterten Untersuchung der »Massenpsychologie
des Faschismus« erörterte auch Wilhelm Reich »das sexuelle
Schuldgefühl und die sexuelle Angst des reaktionären Menschen« und stellte
mit Aplomb fest: »Hier liegt die psychologische Wurzel des Antisemitismus
der Nationalsozialisten.«5 Reichs Beweisführung wirkt oft
plakativ und schematisch, doch seine Thesen waren nicht aus der Luft
gegriffen. Er hat sie aus den antisemitischen Quellen abzuleiten versucht:
So wurde Roosevelt von den Faschisten als »Jude«
und »Roter« bezeichnet. Der irrationale Gehalt dieser Schlagworte
betrifft regelmäßig das Sexuell-Lebendige, auch wenn der so Bezeichnete
weit von jeglicher Bejahung der kindlichen und jugendlichen Sexualität
entfernt ist. Die russischen Kommunisten waren von der Bejahung des
Sexuallebens weiter entfernt als irgendein amerikanischer
Mittelständler. Man wird es lernen müssen, den Irrationalismus der
Schlagworte zu begreifen, wenn man den Mystizismus, den Urgrund aller
politischen Reaktion, bekämpfen will. Wo immer im Folgenden
»Bolschewismus« gesagt ist, ist »Orgasmusangst« mitzudenken.6
Dagegen wäre einzuwenden, daß Joseph Goebbels, allen
Antibolschewisten voran, zwar körperlich, geistig und seelisch in vielerlei
Weise gehandicapt war; doch der Nachweis, daß der sexuell überaus umtriebige
Propagandaminister unter »Orgasmusangst« gelitten habe, ist noch keinem
seiner Biographen geglückt.
»Der Reaktionär jeder Prägung«, schrieb Reich,
»verurteilt die sexuelle Lust (nicht ohne ihr dennoch selbst krankhaft zu
verfallen), weil sie ihn provoziert und abstößt zugleich. Er kann in sich
selbst den Widerspruch zwischen sexuellen Anforderungen und moralistischen
Hemmungen nicht lösen.«7
Aber ganz so schlicht ist die Geschichte nicht verlaufen:
Der arischen Volksgemeinschaft hat das Dritte Reich durchaus Gelegenheit zur
Regeneration ihrer Kraft durch Freude zu bieten vermocht. Wer sich der SS
als Elitesoldat verpflichtete, mußte kein Zölibat und auch sonst kein
Keuschheitsgelübde ablegen, sondern durfte die berechtigte Hoffnung auf
besondere sexuelle Gratifikationen hegen.8
Wilhelm Reich hatte sich ein wenig zu früh gefreut, als er den Mechanismus
der sexual-antisemitischen Propaganda vollkommen durchschaut zu haben
glaubte. Er hielt sie für ein Instrument der Bourgeoisie im Klassenkampf:
Hinter der Idee der Mischung mit fremden Rassen
steckt also die Idee des Geschlechtsverkehrs mit Angehörigen der
unterdrückten Klasse, und dahinter wieder wirkt die Tendenz der
politischen Reaktion zur Abgrenzung, die wirtschaftlich zwar scharf,
sexualmoralisch aber durch die Sexualeinschränkung für die bürgerlichen
Frauen vollends verwischt ist. Sexuelle Vermischung der Klassen bedeutet
aber gleichzeitig eine Erschütterung der zentralen Stützen der
Klassenherrschaft, die Möglichkeit einer »Demokratisierung«, das heißt
sexueller Proletarisierung der »vornehmen« Jugend.9
Um daran glauben zu können, mußte Reich sich den Gedanken
verbieten, daß sich Männer der herrschenden Klassen zu allen Zeiten in aller
Welt ausgiebig und genüßlich sexuell mit Frauen aus niederen Klassen
vermischt hatten. Und inwiefern hätte, beispielsweise, hinter der Idee eines
jüdischen Schauspielers, im Grunewald mit seiner arischen Stummfilmpartnerin
zu picknicken, die Idee des Geschlechtsverkehrs mit Angehörigen der
unterdrückten Klasse gesteckt? In seinem ahnungsvollen Grundlagenwerk hat
Reich als einer der ersten Analytiker des nationalsozialistischen
Rassenwahns dessen sexuellen Energiekern ins Auge gefaßt und die
Wirklichkeit mit all ihren funkelnden und irritierenden Facetten dann leider
doch auf das enge Maß einer klassenkämpferischen Ideologie gestutzt, die
sexuell funktionstüchtige Stehaufmännchen aus dem Proletariat gegen
impotente Reaktionäre ins Rennen schickte und siegen ließ.
Vor und nach und unabhängig von Horkheimer, Adorno und
Reich sind einer staunenden Welt noch viele andere psychoanalytische Modelle
zur Erklärung des Antisemitismus im allgemeinen und des Sexualantisemitismus
im besonderen vorgelegt worden.
»Mahnt der Jude die westliche Welt an jene
düsteren Blutriten, in denen der Vatergott als Zeichen des Bundes ein Symbol
des Sexualgliedes des Knaben fordert, eine Steuer auf seine Männlichkeit?«
fragte der Psychoanalytiker Erik H. Erikson in den sechziger Jahren und fuhr
fort:
»Die Psychoanalyse bietet hier die Deutung an, daß der Jude in den
Völkern, die die Beschneidung als hygienische Maßnahme nicht kennen,
"Kastrationsängste" erregt.«10
Mit dieser Deutung folgte Erikson Sigmund Freud, der 1909
einen »Kastrationskomplex« als ursprünglichen und ersten Erreger des
Antisemitismus diagnostiziert hatte:
»Der Kastrationskomplex ist die tiefste unbewußte Wurzel des Antisemitismus, denn schon in der Kinderstube hört der
Knabe, daß dem Juden etwas am Penis - er meint, ein Stück des Penis -
abgeschnitten werde, und dies gibt ihm das Recht, den Juden zu verachten.«11
1946 unterzog der Psychoanalytiker Otto Fenichel
das Wurzelgeflecht einer genaueren Prüfung:
Dem Antisemiten erscheinen die Juden als
schmutzige, ausschweifende Mörder; er vermeidet es dadurch, sich dieser
Neigungen bei sich selbst bewußt zu werden. Für ihn stellen die Juden
die Verkörperung der Begierde zu töten und der niederen Sexualität dar.
Es wird bald klar werden, wie diese Projektion erleichtert wird. Doch es
ist schon jetzt verständlich, warum die Neigung zum Aufruhr so leicht
auf die Juden abgelenkt werden kann. Denn für das Unbewußte der
Aufrührer stellen die Juden nicht nur jene Obrigkeit dar, welche sie
nicht anzugreifen wagen, sondern auch ihre eigenen verdrängten Triebe,
die sie hassen und die gerade von der Obrigkeit, gegen die sie gerichtet
sind, verboten werden. Der Antisemitismus ist in der Tat eine
Verdichtung der widersprüchlichsten Bestrebungen: eines Aufruhrs der
Triebe gegen die Obrigkeit sowie einer gegen das eigene Selbst
gerichteten grausamen Unterdrückung und Bestrafung dieses Aufruhrs.12
Einem ähnlichen Gedankengang folgte Jean-Paul Sartre, als
er sich 1948 in seinen »Betrachtungen zur Judenfrage« in einen unentwegt
über das Böse grübelnden Antisemiten versetzte:
»Er kann sich so bis zur Besessenheit unzüchtige
oder verbrecherische Handlungen vorstellen, die ihn erregen und seine
perversen Neigungen befriedigen, aber da er sie zu gleicher Zeit diesen
schamlosen Juden zuschreibt, die er mit unsäglicher Verachtung straft,
so befriedigt er sich, ohne sich etwas zu vergeben.«13
Über diesen Erkenntnisstand ist die Forschung, im großen
und ganzen, bis heute nicht hinausgelangt, und das ist vielleicht auch gar
nicht erforderlich, denn Sartres Darlegungen sind auch jetzt noch so
plausibel wie zum Zeitpunkt ihrer Entstehung.
Ein Freudianer begnügte sich 1952 in seiner »Psychoanalyse
des Antisemitismus« mit dem knappen Vermerk, daß die Juden im Laufe der
Jahrhunderte als Brudermörder, als Christusmörder und als Wucherer
angefeindet worden seien, und dem Zusatz:
»Der moderne Antisemitismus hat es verstanden, das
Vorurteil der sexuellen Perversion daranzuhängen. In Deutschland wurde
eine SpezialZeitschrift, Der Stürmer, gegründet und verbreitet,
um den "keuschen und unschuldigen Deutschen" jene Vorstellungen
einzuimpfen. Zu diesen Wahnvorstellungen gehörte die Beschuldigung, die
Juden vergewaltigten mit teuflischem Vergnügen arische Frauen.«14
Von der Beschränktheit seines eigenen Vorurteils, daß erst
der moderne Antisemitismus es verstanden habe, das Vorurteil über die
sexuelle Perversion der Juden zu verbreiten, hätte dieser Psychoanalytiker
sich schon bei einer flüchtigen Musterung der frühneuzeitlichen,
mittelalterlichen und antiken Quellen überzeugen können.
In den fünfziger Jahren suchte die Historikerin Eleonore
Sterling die Ursache für den Sexualneid auf die Juden im christlichen
Keuschheitsgebot:
Daß die eigene Religion die Askese gebietet, erregt
den Neid auf die Juden, die dem Leiblichen gegenüber unbefangener sein
dürfen: für den Juden liegen Leib und Seele nicht im Kampf miteinander.
Der natürliche von Gott gegebene schöpferische Anspruch soll nicht durch
Askese, sondern einzig durch die Gesetze, die die menschlichen
Beziehungen vernünftig regeln, eingeschränkt sein. Die verneinende
Einstellung zum Trieb, der sündhaft sei, macht das Schöpferische
überhaupt verächtlich und erkennt, was sie bei sich unterdrückt, in den
Juden vervielfacht.15
Damit läßt sich jedoch nicht der Sexualantisemitismus der
Nationalsozialisten erklären, die ja ihrerseits das Christentum ablehnten
und in jedem eroberten Land mit der größten Selbstverständlichkeit Bordelle
für die Angehörigen der SS und der Wehrmacht eröffneten. Die
Nationalsozialisten waren keine Asketen.
Einen bemerkenswerten Kommentar trug 1960 Golo Mann zur
Diskussion über die Wurzeln des Antisemitismus bei. Die Juden, meinte er,
sollten nicht so tun, als ob sie an ihrer Verfolgung und Ausrottung
unschuldig seien:
Und man soll auch eingestehen, daß der in der Weimarer
Zeit gängige Ausdruck »jüdisch-zersetzend« nicht völlig ohne Boden war.
Ja, es gab jüdische Literaten, die ihren alten Glauben längst verloren
hatten, die den christlichen nicht im Ernst bekannten, die wohl auch zu
intelligent waren, um die marxistische Pseudo-Religion auf die Dauer
bekennen zu können, kurzum, die eigentlich im positiven Sinne des Wortes
an gar nichts glaubten und die nichts anderes bieten konnten als Kritik,
als Witz, als Hohn. Auch unter ihnen gab es Männer von hoher Begabung,
denken wir etwa an Kurt Tucholsky. Gestehen wir aber ein, daß es ihnen
an Takt, an Bescheidenheit, an dem Rückhalt einer festen bejahenden
Tradition, wohl auch an Schöpferkraft fehlte, gestehen wir ein, daß im
Seelenhaushalt einer Nation es wohl einige solche Kritiker, einige
solche Versemacher, einige solche Soziologen geben darf, aber nicht
zuviele von ihnen; und daß es in den zwanziger Jahren eher zuviel als
zuwenig von ihnen gab.16
Wenn weniger Juden ihr Recht auf Redefreiheit in Anspruch
genommen hätten, um die Weimarer Republik gegen ihre Feinde zu verteidigen,
und so taktvoll gewesen wären, dem Seelenhaushalt der Nation Nackttänze,
Niggermusik, Filmschnulzen, Soziologie, abstrakte Malerei und
jüdischzersetzende Literatur zu ersparen, dann hätten die Antisemiten, frei
nach Golo Mann, den Juden unbefangener begegnen können und deren Anzahl
nicht gewaltsam auf eine der Nation zumutbare Obergrenze reduzieren müssen.
Zumal es den jüdischen Kritikern, Versemachern und Soziologen ja wohl auch
an jener »Schöpferkraft« gebrach, die Golo Mann, nicht anders als die
dümmsten seiner Volksgenossen, für sich selbst und seine Familie gepachtet
zu haben glaubte. Sein merkwürdiges, einer nationalen Selbstversöhnung
dienendes »Eingeständnis« der jüdischen Mitschuld am Holocaust ging, zum
Glück für Golo Manns Nachruhm, in der Flut der Literatur über den
Antisemitismus unter, ohne einen Skandal hervorzurufen.
1963 griff ein weiterer Freudianer die Gedanken der
psychoanalytischen Schule auf:
Ein Ursprung des Ressentiments in dem, was Freud das
»Unbehagen in der Kultur« nannte, liegt an dieser Stelle frei. Das
erregende und zugleich furchteinflössende mysteriöse Dunkel, das in
einer puritanischen Kultur die Sphäre des Geschlechtlichen umgibt, fand
seine Entsprechung in der lockenden und zugleich bedrohlichen
Erscheinung des Fremden. Wurden die eigenen unterdrückten Wünsche auf
den Sündenbock projiziert, so war die Befriedigung doppelt: die
Phantasie schwelgte in jüdischen Untaten, während das Gewissen die
Übeltäter mit rigoroser Härte bestrafte.17
Unklarheit über das Alter dieses Ressentiments scheint
noch 1971 geherrscht zu haben, als der Historiker Saul Friedländer
Spekulationen über die Bereitschaft der Antisemiten anstellte, in jedem
Juden einen Sexualverbrecher zu erblicken: Aufgrund
psychologischer Vorgänge, für die es bis heute kaum
eine Erklärung gibt, verbreitete sich diese Schreckenskunde im
Nachkriegsdeutschland immer mehr. Immer mehr Menschen glaubten daran,
daß die Juden systematisch auf die »Verunreinigung arischen Blutes«
durch sexuelle Beziehungen zu arischen Frauen hinarbeiteten. Die
Bastarde aus solchen Verbindungen stünden unter jüdischer Gewalt. Aus
einer Kollektivangst hervorgegangen, verbreiteten sich solche Phantasien
in ganz Deutschland.18
... ...
Neidgeschrei:
Antisemitismus und Sexualität
Hier geht es um den aus
sexuellem Neid geborenen Anteil des Antisemitismus, ein
Thema das nicht nur zeigt, welche – manchmal tödliche –
Macht Phantasien entwickeln können, sondern auch vor
Augen führt, wie sich in den Feindbildern einer
Gesellschaft deren Mentalität widerspiegelt…
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